Heimat, vergiss die Söhne nie
Es liegt ein Grab im Birkenhain
verlassen im östlichen Land
das pflegt ein altes Mütterlein
behutsam, mit sorgender Hand.
Sie schlingt ums Kreuz manch Blumenkranz
wenngleich es fremden Namen trägt
und betet oft im Abendglanz
die Arme um das Kreuz gelegt.
Sie betet für den letzten Sohn
der fern im Sauerlande blieb
und ahnungsvoll vom Sterben schon
im letzten Briefe an sie schrieb.
Im Hundemtal, am Embergshang
da liegt ein einsam Russengrab
es pflegt ein Mütterlein schon lang
das auch den jüngsten Buben gab.
Es fühlt, dass dort am fernen Don
eine Mutter ihr gleiches tut
und betet für deren und ihren Sohn
der in östlicher Erde ruht.
Heimat, vergiss die Söhne nie
verstreut unterm Sternengezelt
Denk ihrer Lieben, schütze sie
sie tragen der Kriege Entgelt.
Gott schirm die Heimat, segne sie
Tote, Lebende Wald und Feld
Städte, Dörfer, Höfe und Vieh
und schenk uns den Frieden der Welt.
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Mit dem Schnee kamen die Tränen - Erzählung
von Annegret
Kronenberg
Es war Anfang Dezember 1944, der letzte Kriegswinter. Vor Kälte
schlotternd, mit rotgefrorenen Wangen, stürmte ich ins Haus, um mich ein wenig
aufzuwärmen. Als ich händereibend die sonst so heimelige Wohnküche betrat,
schlug mir eine ungewohnte Kälte entgegen. Etwas Bedrückendes lag in der
Luft.
Statt meiner Mutter stand eine Nachbarin am Küchenherd und machte
sich dort zu schaffen. Meine Mama, die hochschwanger war, saß mit ihrem
unförmigen Leib am Küchentisch und hatte den Kopf auf ihre Hände gestützt. Beide
Frauen schnupften und weinten in ihre Taschentücher. Erschreckt lief ich zu
meiner Mutter und fragte sie: »Mama, warum weinst du?« Sie brachte kein Wort
heraus, nahm mich nur schweigend in ihre Arme und drückte mich fest an sich. Ich
spürte, wie ihr Leib von ihrem heftigen Schluchzen erschüttert wurde und ihre
heißen Tränen meine kleinen, verfrorenen Hände netzten. Ungeduldig bohrte ich
weiter: »Sag' doch, Mami, was ist geschehen?« Da nahm mich die Nachbarin zur
Seite und erklärte mir, es sei ein Päckchen mit einem Brief angekommen, in dem
uns mitgeteilt wurde, dass mein Vater in Polen gefallen sei und sie deshalb so
traurig wären. Diese Worte trafen mich wie Peitschenhiebe.
Dass Soldaten
im Krieg fielen, war etwas, das man jeden Tag zu hören bekam. Ich hatte mir nie
viel Gedanken darüber gemacht. Jetzt wurde mir zum ersten Mal bewusst, was das
bedeutete. Mein geliebter Vater war tot, in Polen gefallen. Mit Polen brachte
ich sofort Kälte, Schnee und Grausamkeiten in Verbindung. Irgendwann hatten
Flüchtlinge, die einmal kurz bei uns untergebracht waren, davon erzählt. Aber
"gefallen", das hieß doch, mein Papa würde nie wieder zu uns zurückkehren. Mein
Papa, der Fremde. Gerade in seinem letzten Fronturlaub hatte ich ihn
liebgewonnen, hatte begriffen, was Papa hieß.
Vor seiner letzten Abreise
hatte er auf dem Bahnsteig meiner Mutter die bange Frage gestellt: »Was meinst
du, werde ich zurückkommen?« Und Mutter hatte ganz spontan erwidert: »Natürlich
kehrst du zu uns zurück!« Wieso konnte dann so etwas Furchtbares geschehen? Es
konnte doch nicht auf einmal alles vorbei sein. Und mein langersehntes
Geschwisterchen, er würde es gar nicht sehen können. In meinem kleinen Kopf
schwirrten die Gedanken wie aufgescheuchte Vögel durcheinander.
Dann fiel
mein Blick auf das offene Päckchen auf dem Küchentisch. Ein Feldpostpäckchen,
wie ich es schon häufig gesehen hatte. Obenauf lag aufgeschlagen Vaters
Brieftasche. Ich sah darin ein Foto von meiner Mutter und mir. Es war, wie die
Brieftasche, durchschossen und total mit angetrocknetem Blut verschmiert. Ich
wagte nicht, es anzurühren. Mir war ganz übel, ich fühlte mich elend und allein.
Meine Augen füllten sich mit Tränen. Wie betäubt stellte ich mich ans Fenster
und starrte in den weißen Schnee, in dem ich gerade noch so fröhlich getobt
hatte.
Wie schön hatte der Tag doch begonnen! Schon in der Nacht hatte es
zu schneien angefangen, und am Morgen fielen immer noch dicke Flocken vom
Himmel. »Es schneit, es schneit!« hatte ich ausgelassen durch das Haus gejubelt
und vor Freude in die Hände geklatscht. Im Nu hatte ich mich warm eingemummelt
und mich mit meinem Dackel in die weiße Pracht gestürzt. Der Hund hatte sich
erst an die veränderte Landschaft gewöhnen müssen. Mit seiner langen Schnauze
hatte er sich wie besessen durch die weiße Masse gepflügt.
Aus der
Scheune hatte ich unter altem Gerümpel meinen Schlitten hervorgeholt. Er stammte
noch aus Vaters Kindertagen. Mit Schmirgelpapier hatte ich die verrosteten Kufen
ein wenig blankgerieben und Heidewitzka! Auf ging's! Inzwischen hatten sich
meine Freundinnen aus der Nachbarschaft eingefunden, und wir vergnügten uns in
dem Schneegestöber. Es war ein besonders ruhiger Vormittag gewesen, ohne
Fliegeralarm und beängstigenden Flugzeuggeräuschen in der Luft.
Natürlich
hatten wir auch einen großen Schneemann gebaut. Um ihn mit Augen, Mund und einer
Knopfleiste auf dem Bauch auszustatten, hatten wir ein paar Kohlen stibitzt, die
damals Mangelware waren. Als Nase hatte eine lange, rote Rübe gedient. Dann
fehlten ihm nur noch Hut und Schal. Durch die Hintertür hatte ich mich ins Haus
geschlichen und heimlich aus Vaters Kleiderschrank diese Utensilien besorgt. Ein
Reiserbesen wurde ihm noch in den Arm gelegt, und wir besaßen den schönsten
Schneemann, den man sich nur vorstellen konnte. Vergnügt und übermütig waren wir
um ihn herumgetanzt, wie um ein goldenes Kalb.
Da stand er nun, der
schöne Schneemann. In meiner kindlichen Phantasie sah ich plötzlich neben ihm
meinen Vater regungslos in einer riesigen Blutlache liegen. Mein großer, starker
Vater, ganz hilflos und ganz allein. Das Gesicht des Schneemannes verformte sich
plötzlich zu einer hämisch grinsenden Fratze. In diesem Moment verwandelte er
sich für mich zum Mörder meines Vaters. Mir graute vor ihm und dem Schnee. Ein
Schaudern zuckte durch meinen Körper, und ich begann fürchterlich zu frieren.
Unterdessen waren im Haus die nächsten Verwandten eingetroffen, die man
zwischenzeitlich benachrichtigt hatte. Dazu gehörte auch mein Großvater
väterlicherseits. Er war ein stattlicher Mann mit eisernen Prinzipien. Auf mich
wirkte er stets unnahbar und konnte mir nie ein Gefühl von Geborgenheit
vermitteln.
Für meinen Großvater war mit dem Tod meines Vaters eine Welt
zusammengebrochen. Sein Lebenstraum war zerplatzt wie eine Seifenblase. Ich kann
mich noch gut daran erinnern, wie er laut jammernd und in sich zusammengesunken
durch die Wohnstube hastete und mit seiner kräftigen Stimme immer wieder die
Worte hervorstieß: »Das überlebe ich nicht!« Die Bedeutung dieser Worte ist mir
damals nicht bewusst geworden, aber sein lautes Geschrei und seine
Unbeherrschtheit, die ich nie von ihm erwartet hätte, erschreckten mich und
machten mir Angst.
Mit meinem Hund verkroch ich mich, wie ein
verängstigtes Reh, in eine stille Zimmerecke und versuchte, mit meinem Schmerz
fertig zu werden. Ich kuschelte mich an das Tier und weinte meine bitteren
Tränen in sein weiches Fell. Er spürte meine Traurigkeit und gab mir das Gefühl,
verstanden zu werden.
Seit diesem schrecklichen Tag bekam ich immer eine
Gänsehaut, wenn der erste Schnee fiel. Ich glaube sogar, dass ich noch heute im
Schnee stärker friere als andere Menschen.
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